CHIOMA AKUEZUE

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Glut, Leidenschaft und Magie

Kühle, starke Beats. Heiße Melodien. Inspirierte, versiert vorgetragene Rap-Reime jagen den Puls hoch.

Eine weibliche Stimme, die eindeutig weiß, wo es langgeht. Die treibend und heftig sein kann und doch einer Ballade alle Glut, Leidenschaft und ihre ganze Seele zu geben vermag. Die Stimme gehört Chioma. Und ihre Klänge tragen vom ersten Moment dieses faszinierend Anziehende und diese Prise feinste Exotik in sich.

 

Chioma stammt aus Nigeria, aus der Ethnie der Ibo. Geboren ist sie in Sokoto im islamisch dominierten Norden des Landes. Die katholische Familie flieht nach Abuja, der Hauptstadt Nigerias, als Chioma noch ein Kind ist. Abuja ist aber auch eine Stadt voller Musik. Auf den Straßen und aus dem Radio. Chioma ist im Kirchenchor. „Jeden Sonntag sang ich in der Messe“, erinnert sich Chioma, „jeder, der mich damals hörte, kam zu mir und sagte, ich werde später wohl sicherlich mal Sängerin werden. Das spornte mich natürlich an.“

Vielleicht spürte sie damals schon, dass in ihr eine Rapperin, eine Entertainerin, eine Künstlerin

schlummert? Jedenfalls ist sie mit Plattenaufnahmen früh dabei. „Ja, das stimmt“, lacht Chioma, „ich habe 2005 für die Missionsschwestern des Klosters, in dem meine Eltern oft zur Messe gingen, eine EP eingesungen.“ Das ist auch die Zeit, als sich die internationalen Musikohren wieder in Richtung Nigeria aufstellen. Femi Kuti führt dort das musikalische Erbe des Afrorocks seines Vaters Fela Kuti fort. Doch für Chiomas Mutter ist diese Musik etwas von der Straße und etwas Nutzloses. Zuhause darf deshalb nicht gesungen werden. Und Schulfreunde waren nicht gerade häufig zu Besuch im Haus Akuezue. Für Chioma geht es tagtäglich ums Zuhausebleiben, ums Bücherlesen und um die Hausaufgaben. Dann ab ins Bett. „Es gab niemandem, mit dem ich über meine Gefühle hätte reden können. Es gab nur ein Büchlein, dessen Seiten ich mit poetischen Zeilen füllte, die später Texte für meine Lieder werden sollten.“ Chioma soll sogar Nonne werden, doch dann verläßt sie Heimat und Familie und macht sich nach Lagos auf. Das Büchlein muss natürlich mit.

 

Das Glück auf ihrer Seite

Lagos ist das wild schlagende, nigerianische (vielleicht sogar afrikanische) Herz der Musik, der Mode, des Tanzes, der Schauspielerei, der Unterhaltungsindustrie und der Kunst. „In Lagos angekommen hatte ich nicht genug Geld und auch keinen Platz, wo ich mit meiner Tochter hätte wohnen können. Doch Gott ist immer auf meiner Seite. Und das Glück ist es offensichtlich auch“, weiß Chioma, „ich fand in Lagos einen Modeljob. Es war ein großer Kampf, um in der großen Stadt mit meinem Baby zu überleben. Doch nach außen hin kommunizierte ich, dass ich stark bin und ganz bestimmt kein Mädchen, das in irgendeiner Form Hilfe braucht.“ Chiomas Leben ist ein ständiges Auf und Ab und Stoff für eine neue Geschichte. Für einen neuen Eintrag in das Textbüchlein. Jeder Eintrag ist der Beweis für Chiomas Mut, sich der Veränderung des Lebens zu stellen und dieser Veränderung in kreativer Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Die nächste Veränderung steht schon ins Haus. Chioma zieht ins „Koko Mansion“ – eine Reality Show, die in die Richtung von Big Brother geht. Gastgeber ist der nigerianische Singer/Songwriter D’banj. Tagaus tagein singt sie dort ihre Lieder. Die Künstlerin gewinnt zwar nicht die Show, aber einen Geldpreis. Am Ende spricht jeder über die schöne Sängerin aus „Koko Mansion.“ „Wann sollte ich meine Stücke veröffentlichen, wenn nicht jetzt, als jeder über mich sprach und ich ein wenig Geld hatte“, blickt Chioma zurück, „ich fand auch zwei Produzenten. Irgendwann hatte ich drei Stücke und ein Video. Doch hatte ich keine Ahnung, wie das Musikgeschäft funktioniert. Jeder, der mir über den Weg lief, wollte weiteres Geld von mir, um dann am Ende doch nichts zu bewegen.“ Als das Geld nahezu aufgebraucht ist, gibt Chioma frustriert auf und wendet sich wieder normalen Brotjobs zu. So arbeitet sie für die Deutsch-Nigerianische Handelskammer oder die Lufthansa. Doch Chiomas Büchlein füllt sich weiter.

 

Das Bewusste, das Unbewusste und das Magische

Dann geht es Schlag auf Schlag. Chioma lernt einen deutschen Diplomaten kennen, heiratet ihn und zieht mit ihm nach Deutschland. „Hier in Berlin gehe ich zur Sprachenschule, um Deutsch zu lernen“, nimmt Chioma den Gesprächsfaden wieder auf, „während der Schulpausen singe ich immer. Ich musste es tun, das liegt mir einfach im Blut. Von allen Seiten wurde ich bedrängt, ob ich nicht eine Platte machen wolle.“ Doch ihre Erinnerungen an Lagos und die dortigen Erfahrungen mit dem Business halten sie davon ab. Zunächst. Als ihr auf einer Party jemand sagt, „wenn du singst, kriegen alle vor Ergriffenheit und Faszination eine Gänsehaut“, ist Chioma an dem Punkt, dass sie sich sagte, warum nicht? Sie macht sich über das Liedarchiv in ihrem Büchlein her. Über die Texte, die aus den Narben entstanden sind, die das Leben schlug. An Aktualität haben sie nichts eingebüßt. Neue Erlebnisse gibt es auch mehr als genug. „Einen für mich ganz wichtigen Entschluss habe ich gefasst, bevor ich ins Studio ging“, darauf verweist Chioma mit ernster Miene, „bis auf wenig technische Hilfe im Studio, werde ich ganz kompromisslos alles allein machen.“ Musikalisch ist Chioma breit aufgestellt. Sie vermag es mühelos, ihren Texten passgenau ein Reggae-Dancehall-Kleid zu schneidern.

Oder ganz in Rap einzukleiden. Auch bei einer Ballade weiß sie genau, was ihr steht. „Schnell merkte ich, ich kann jeden Klangkosmos erforschen und es gibt immer eine starke Verbindung zwischen all’ meinen Noten – meine Stimme“, erzählt sie, „und ob eine Idee zu einem Rap-Stück oder zu einer Ballade wird, das hat sicherlich einen bewussten Anteil. Größer ist aber der unbewusste. Und dann ist da noch das Magische in jedem Lied. Etwas was nicht hinterfragt werden soll. Versucht man es, verschwindet diese Magie. Sofort.“


Die nun vorliegenden zehn Stücke zeigen, wie leicht es Chioma fällt, Independent- Romantik mit der Kühle von Clubmusik zu verbinden. Auf dem Album kreiert Chioma kleine, pointierte Bilder genauso, wie effektvolle große Geschichten voller Lebensrealität - Sie zeigt eindeutig, wofür sie steht, wer sie ist und dass sie etwas zu sagen hat. Sie bringt mit ihrer so eigenen Stimmfarbe eine emotionale Kraft ins Spiel, die aufhorchen lässt und der sich niemand entziehen kann.